Honey im Lustgarten aus Beton

Mit „Honey“ zeigt das KIT in Düsseldorf aktuell seine vierte Soloshow und hat mit Natalie Häusler eine Gestalterin für den gesamten Raum gewonnen, die den Besucher auf ihre künstlerische Reise voller Assoziationen und Referenzen quer durch die Poesie, Philosophie und Bildende Kunst mitnimmt.
Bis zum 23.09.2018 ist die Ausstellung noch zu sehen und mittendrin habe ich mich mit Natalie über ihre Kunst unterhalten…

Sprache, Siebdruck, Sound, Skulptur. Ein Aquarium, ein Pool, ein Motorrad, ein Vorhang und eine Fußreflexzonenmassage auf wabenförmigem Untergrund. Das sind die Medien, Objekte und Raumerfahrungen, die die junge Berliner Künstlerin in den Tunnel am Rhein gebracht hat, um daraus eine eigene Unterwasserwelt der Um- und Neuzuschreibungen zu weben und uns zwischen Verwirrspiel und Anstoß, über Feminismus, Reformbewegung, Ökologie und die Selbstoptimierung nachdenken zu lassen. Verschiedene Ansätze in der Arbeit verdichten sich genauso wie diverse Denkansätze. In welchem Medium fühlt sich die Künstlerin zu Hause und wie hat sie das KIT, mit seiner Tunnelarchitektur bei ihrer Arbeit inspiriert?

„Für mich gibt es gedanklich keine Trennung zwischen den verschiedenen Medien“, sagt sie. „So wie wir gleichzeitig alle Sinne für eine ganzheitliche Wahrnehmung benutzen, ist es für mich sehr natürlich, die verschiedenen Sinne anzusprechen und für meine Arbeit zu verwenden. Die Architektur des KIT hat mich sofort stark angesprochen — die organisch gebogenen Wände, die Dimensionsverschiebungen von niedrig zu hoch, der Grundriss, die Omnipräsenz von Zement, die Tatsache, dass es sich um einen unterirdischen Tunnel handelt, umgeben von Autos, direkt neben einem riesigen Fluss.“

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In diesem Unterwasser-Garten, direkt neben dem Fluss will Häusler ihrem Ausgangspunkt, dem mittelalterlichen, französischen Versepos „Roman de la Rose“, oder „Rosenroman“ neue Rollen der Weiblichkeit entgegensetzen – den „Honey Bunny“ gewissermaßen aus dem passiven Objektcharakter im Lustgarten heraus, zur selbstbestimmten Weiblichkeit emanzipieren und damit ihre eigene Stimme hörbar machen. Batseba am Pool betrachtet, taucht lieber unter der Wasseroberfläche hindurch, statt sich mit David einzulassen…
Für Natalie ist die Ausstellung Honey dabei auch mit einer „Arbeitsweise selbst zu vergleichen, hart und flüssig zugleich, je nach Umgebungstemperatur“.

Dabei erklärt sie wie diese Arbeitsweise in einer Kunstwelt Platz findet, in der immer noch die männliche Perspektive auf die Dinge dominiert:
„Für diese Ausstellung habe ich mich inhaltlich u.a. auf bestimmten weibliche Perspektiven fokussiert. Es gibt beispielsweise eine Auseinandersetzung mit Hormonen, dem Zyklus und anderen Themen, denen ich nicht so oft in Museen begegne, jedoch regelmäßig im alltäglichen Leben. Es hat mich interessiert diese Dinge in einen umfassenderen Diskurs und Blick auf die Welt mit einzubringen. Somit sind sie nur ein Teil der Thematiken, mit denen ich mich für die Ausstellung beschäftigt habe. Ich vermisse eine Vielzahl von Perspektiven v.a., wenn ich durch Sammlungen von Museen gehe, weibliche Perspektiven sind nur eine davon“.

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Ein Aquarium mit bemoostem Lavastein, wirkt auf einer gekachelten Säule, wie das Eingangsportal zu dieser assoziativen Welt. Ein wenig so, als dürfe sich diese persönliche Auseinandersetzung nicht plakativ ausbreiten, nicht wirklich außerhalb bestimmter Grenzen diskutieren lassen. Weibliche Perspektiven sind selten in der Kunstwelt. Hat im 19. Jahrhundert die Industrialisierung die Frage nach dem Lebensraum des Menschen neu aufgeworfen, so sind es heute eher Fragen, nach der kapitalistischen Vereinnahmung von Sexualität und Innerlichkeit. All diese Themen berührt Häusler quasi schwimmend. Druckt einzelne Worte auf leichte Stoffe auf und bleibt dabei fragmentarisch. Klar und eindeutig formuliert wird nichts. Verständlich, dass es bei den Referenzen bleibt und die Autorenschaft subtil daherkommt, ändert sie doch zum Beispiel die Zuschreibung der Frau als Verführerin, die als männliche Projektion im Mittelalter im „Roman de la Rose“ schon erste emanzipatorische Bewegungen („La Querelle du Roman de la Rose“) losgetreten hat und deutet sie um.

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Das tut sie subtil und mit Emotionen, die von zarten und harten Farben getragen werden. Die Kritik, zu referenziell und undurchsichtig zu sein, blockiert Natalie nicht in ihrer Arbeit, im Gegenteil:
„Mich interessieren Referenzen, als Verknüpfungen zu den Gedanken anderer. Das ist eine Art zu denken die für mich produktiv ist. Das heißt aber nicht, dass man sich als Betrachter meiner Arbeit über Referenzen annähern muss. Es gibt viele verschiedene Ebenen, auf denen man die Arbeiten erfahren kann, z.B Farbe oder Materialität. Viele der Arbeiten erzählen ihre Geschichte selbst, auf der Basis von Material, Sprache und Klang. Die Referenzen, mit denen ich arbeite sind für mich ebenso Material wie auch Pigmente, Beton, Pflanzen, Stoff und Wasser.“

Die Ausstellung ist tatsächlich wie Honig, Pigmente werden fixiert, Der Stoff ist Träger von Geschmack und zeugt von der fleißigen Sammelarbeit hinter den Kulissen. So wie er konserviert, lässt er sich auch verzehren. Auf zum Honey Tasting.

Links und Referenzen:  

Honeybear von Eileen Myles 

Christine de Pisan  

„La Querelle du Roman de la Rose“ 

KIT

Fotocredit: Katja Illner, Ivo Farber und Eric Bell

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