Verschrumpelte Weihnachtsbäume und supermultikulti Superpower

„Kunst allein ist Unsinn, Networking allein ist Unsinn, Offenheit allein ist Unsinn, wenn man nicht weiß, wohin man will“, hat der Neurobiologe Gerald Hüther betont und damit auch künstlerische Projekte zu Reflexion und Zielsetzung verpflichtet.
Netzartige Zusammenarbeit und Kollektive, finden sich im künstlerischen Kontext klassischerweise im Bereich des Films und des Theaters, für deren Realisierung man naturgemäß schon Mehrere braucht. Wenn wir Gruppenarbeit in der Bildenden Kunst anschauen, stoßen wir für gewöhnlich auf Ungewöhnliches. Findet sie dann auch noch im öffentlichen Raum statt, entfaltet sich ihre große Strahlkraft und sie hat gute Chancen, Sichtweisen gegenüber der gesellschaftlich konstruierten und der natürlichen Welt in Frage zu stellen.
Die dänische Gruppe Superflex lebt von genau dieser Superpower, dem synergetischen Mehrwert, der die Handlungsdynamik der Akteure in der Gruppe effektiver agieren lässt, als es ihnen allein möglich wäre. Jakob Fenger, Rasmus Nielsen und Bjørnstjerne Christiansen, die sich 1993 unter dem Namen Superflex zusammengefunden haben, arbeiten kollektiv. Mit dem Ziel, politische Standpunkte und Handlungen zu visualisieren, organisieren sie Projekte. Die sogenannten „Tools“, stellen sie frei zur Verfügung und machen sie für User anwendbar. Mit dem Supermarket betreibt die Gruppe auf ihrer Website einen Onlinestore, über den ihre Drucke und Poster vertrieben werden. Das Gesamtkonzept Superflex leuchtet als orangene Künstlermarke mit starkem Wiedererkennungswert und bewertet sich mit „Super“ als Vorsilbe für ein jedes Projekt ständig optimistisch selbst. Mit dem Projekt „Superkilen“ von 2011 luden die Künstler im Auftrag der Stadt Kopenhagen und Realdania die Bewohner unterschiedlicher Nationalitäten aus der direkten Umgebung des geplanten Parks in Kopenhagen dazu ein, typische Parkgegenstände, wie Bänke, Wegweiser, oder eine Rutsche aus typischen Gestaltungsweisen ihrer Heimatländer, oder der von ihnen bereisten Länder zu nennen, um sie als Nachbildung oder Original vor Ort zu installieren und damit selbst aktiv ihre Umgebung mitzugestalten. Unter anderm wurden in Palästina, Spanien, Thailand, Texas und Jamaika spezifische Gegenstände für den Park gesammelt. Nach dem Motto „Think global, act local“, hat sich der Geist einer Weltgemeinschaft in die konkrete Umwelt übersetzt. Erklärungen auf Dänisch in Kombination mit der Sprache des jeweiligen Herkunftslandes machten aus Einzelteilen ein Denkmal der Multikulturalität. Die kollektive Arbeit, die von Stadtverwaltung über Kommunikationsagenturen, Architekturfirmen und Gartenbau bis direkt zu den Bürger der Stadt reichte, hat einen globalen Anspruch mit neuer Reichweite. Superflex entthronen mit ihrem partizipativen Projekt zwischen Stadtplanung und Kunst auch das Künstlergenie und macht sich selbst zu einem Glied im Fabrikationsprozess und zum Vermittler zwischen Vorstellung, Idee und dem sozialem Raum, in dem diese verwirklicht werden soll. Sie sind gleichzeitig Gestalter und Dirigenten aller Mitwirkenden.
Mit Superkilen haben die Dänen eine temporäre, multikulturelle Werkgemeinschaft gegründet, in der das Wechselspiel von tun, produzieren, dabei sein, sich bewegen, teilen, unterwegs sein, besser machen, erfinden und wieder beginnen funktioniert.
Das kollektive Gesamtkunstwerk macht sich damit weniger angreifbar für Kritik von Außen, wie wir sie z.B. aktuell in der Debatte über den aufblasbaren „Tree“ eines Paul McCarthy auf dem Place Vendôme erleben. Tree McCarthyDieser hatte im Oktober nicht nur die Pariser mit der Assoziation an einen „butt plug“ geschockt, sondern sich bei der Enthüllung auch gleich eine Ohrfeige eingefangen und einen Vandalen dazu animiert auf seine Weise am Kunstwerk mitzugestalten und einfach die Luft rauszulassen. Mit seiner Zweideutigkeit von Weihnachtsbaum und Analstöpsel hat sich McCarthy der Provokationsmechanismen für den öffentlichen Raum bedient und geht einen angriffslustigeren Weg als Superflex, die eher ein pädagogisches Langzeitprogramm verfolgen, wenn es um die Konfrontation mit der gesellschaftlichen Norm geht.
Die offene Struktur von Superkilen lässt Verschiedenheit und Vielfalt als nutzbares Gesamtkunstwerk in den öffentlichen Raum eintreten, der gleichzeitig zum Ausstellungsraum von Multikulturalität geworden ist. Kunst löst sich dabei von ihrem Egozentrismus und ihrer konsequenten Selbstgenügsamkeit. Irgendwie ein sehr viel weihnachtlicherer Gedanke, sich auf den Weg in ferne Ländern zu machen, um Gaben zu bringen für ein größeres Ganzes – für Respekt und die Liebe zum Anderen, als ein Buttplug-Weihnachtsbaum.
Links:
Superflex
Paul McCarthy

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