Von Pop und Pappe

„Man wird nicht glauben, wie viele Leute sich ein Bild mit dem elektrischen Stuhl ins Zimmer hängen – vor allem, wenn die Farbe des Bildes mit den Vorhängen übereinstimmt.“ ANDY WARHOL

James Rosenquist, Untitled (Joan Crawford Says...) © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto: Rheinisches Bildarchiv
James Rosenquist, Untitled (Joan Crawford Says…) © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto: Rheinisches Bildarchiv

Welche Farbe die Vorhänge des Sammlerpaares Peter und Irene Ludwig wohl hatten, aus deren gigantischem Privatbesitz die aktuelle Sonderausstellung Ludwig goes Pop im Museum Ludwig in Köln genährt wird? 
Als Kinder der Nachkriegsgeneration haben die beiden goldene Jahre des Wirtschaftsaufschwungs und damit auch die Geburt der Pop-Art erlebt; Haben den Rausch von Überfluss und Warenkonsum nach Zeiten des Darbens und der Entbehrung kennengelernt. Jetzt darf auch ihr Schatz der Privatsammlung breit konsumiert werden. Vergangenes wird auf mehreren Ebenen ins Hier und Jetzt transportiert. Lifestyle, Konsumkultur und Starkult treffen auf die Ernsthaftigkeit von Themen, wie dem Koreakrieg, der Vermarktung der Frau und dem Gefühl des Verlorenseins in der Anonymität der Großstädte. In dieser Retrospektive tritt der Industrielle, Peter Ludwig selbst, subtil durch die Werkauswahl seiner Sammlung, als Charakter zu Tage und wird posthum porträtiert. Es sind die Knaller, die altbekannten Größen, die Aushängeschilder, die Marken der Pop-Art, die den Besucher beim Eintritt in die Sonderschau empfangen und Fans in ihrem Terrain willkommen heißen. Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Claes Oldenburg – um nur einige zu nennen – die Topspieler der Ludwig-Mannschaft. Alles glänzt, nicht mehr ganz so neu zwar, doch den Pop-Art-Effekt mit glatten Oberflächen, mutigen Farben und fetten Botschaften deutlich erzielend. Der erste Eindruck: Ein heiterer und verspielter, mit Warhols Campbell’s Soup Can I, oder Oldenburgs Giant Soft Swedish Light Switch. campbells Claes_Oldenburg_Soft_Light_Switch_1966

Heikle Themen warten erst auf dem zweiten und dritten Geschoß. 
Doch den Werken im Untergeschoß haftet im Sammlungskontext hier auch die Funktion als Geldanlage an. Vielleicht weil Konsum und der Lifestyle des Wirtschaftswunders hier zum sich selbst reproduzierenden  Thema werden? Oder sich unter den Besuchern einige Sammler und Investoren befinden, oder weil die Debatte über die Veräußerung der Werke „Triple Elvis“ und „Four Marlon“ zur Rettung des Spielcasinos noch nachklingt. (Der nordrhein-westfälische Spielcasinobetreiber Westspiel hat sie in New York aus dem Spielcasino Aachen, versteigern lassen. Zum Weiterlesen: (Aachener Zeitung) )
Die Frage nach Kunst und (ihrem) Wert drängt sich auf. Aber wie entstehen der Wert der Pop-Art und die Bedeutung einzelner Werke? 
In der Natur und in der Kunst sind es vor allem die Zufälle, die große Entwicklungen vorantreiben. So hat Roy Lichtenstein seine weltberühmte Rastertechnik entgegen seinem eigenen Geschmack entwickelt, weil seine Kinder ihre Comichelden in Großformat sehen wollten. Frei nach der Auffassung: „Der Zufall begünstigt nur einen vorbereiteten Geist“. Diese Technik hat ihm letztendlich den Platz als einem der bekanntesten Pop-Art-Künstler gesichert und ihn von seinem einstigen Konkurrenten Andy Warhol unterschieden. Dieser wiederum sah sich gezwungen, auf eine andere Technik auszuweichen, die ihn mit seiner Factory zum genialen Marketingstrategen machte. Einer der interessantesten Räume der Ausstellung ist für mich aber von Pappe. Robert Rauschenberg irritiert hier noch heute mit seinen Cardboards  und teilt sich mit Jasper Johns als Zimmernachbarn die Außenseiterposition der Ausstellung. Er hat Pappstücke an die Wand genagelt und parodiert die Botschaften der Popkollegen, die nicht mehr von denen der Werbung zu unterscheiden sind und sich unverhohlen den Methoden des Marketings bedienten, um gesehen zu werden. Johns und Rauschenberg erlauben sich den Luxus der Distanz und lassen über Pop schmunzeln. Die Pappe in Mitten der grellen Farben übriger Poparbeiten provoziert viele Besucher zu Fragen, die sie sich eigentlich gar nicht mehr stellen wollten: „Ist das Kunst?“ (oder kann das weg?). „Das kann ich doch auch! Da muss ich nur einmal nicht den Müll rausbringen…“ An solchen Werken des Anstoßes beginnt die Arbeit der Kunstvermittler, die jeden Sonntag von 13-15Uhr und zum Langen Donnerstag einmal im Monat die Ausstellung begleiten, richtig spannend zu werden. Denn es ist tatsächlich ein ganzes Gebilde, aus persönlicher Künstlerbiografie, Zeitgeschichte und dem schlichten Zufall, das den Kunstmarkt so komplex und einzelne Werke so bedeutsam macht. Sicher, Bedeutung kommt vor allem nachträglich hinzu, aber genau das ist es doch, was jeden Besucher ins Werk einbezieht, ihn ebenso zum Kreativen macht, indem er Fragen aufwirft und letztendlich Antworten  in sich selbst findet, die es vorher nicht gegeben hat. Die Antworten beginnen in dem Zwischenraum, der zwischen Werk, Besucher und Vermittler entsteht. Davon leben die Kunstdialoge…

Links:

Kunstdialoge: Über kuriose Zusammenhänge diskutieren jeden Sonntag zwischen 13 und 15Uhr Kunstvermittler mit den Besuchern im Rahmen der Kunst:dialoge. Diese fruchtbare Form der Kunstvermittlung bringt neben versteckten Sammlern, echte Popartspezialisten unter den Besuchern zum Vorschein.

Ausstellung: Ludwig goes Pop

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