Schreiben bis auf den Grund

OurLadyoftheNileAm Mittwoch hat Scholastique Mukasonga sich wie eine sanfte Lehrerin vor ein kleines Publikum im Institut Français Düsseldorf gesetzt und aus Ihrem Buch „Notre Dame du Nil“ vorgelesen, für das sie in Frankreich im Jahr 2012 mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet wurde. Vor allem aber hat sie von Etwas erzählt. Etwas, das sich durch Mythen und Trauer, durch Erfahrung und Beobachtung hin zu einer ganz eigenen Wirklichkeit entwickelt hat, die Scholastique in ihren Büchern reflektiert. Mit ihrem Buch und ihrem Wissen im Gepäck tourt sie gerade durch Deutschland. Bereits vor der Lesung hat sich das Publikum im Raum in einer Totenstille eingerichtet. 
Scholastique wird von dem Kölner Übersetzer, der Ihre Ausführungen auf Französisch in Kurzgeschichten auf Deutsch überführt, vorgestellt. Sie kommt also aus Ruanda und kombinierend mit dem Datum ahnt man: Es wird an diesem Abend um den Völkermord gehen, dessen trauriger 20. Jahrestag begangen wird. Die Mehrheit der Hutu deren Ideologie auf die Vernichtung der Tutsi abzielte. 
Aber: „Es geht nicht um Trauerarbeit“ sagt sie. Ich habe gewusst, dass es so kommen würde und so sei es fast eine Erleichterung für sie gewesen in Frankreich vom Tod der Familie zu hören. „Die Toten sind Teil von mir und durch sie bin ich geworden was ich bin.“ Die Tatsache, dass der Genozid erst 20 Jahre her ist und dass die Brutalität und Barbarei, die er zu Tage gefördert hat scheinbar immer wieder eine jede Gesellschaft einholen kann, die sich von Ideologie und Machtgier leiten lässt, wirft Fragen zu den Mechanismen der Shoa auf. Wie ist es möglich, dass Menschen bereit sind Andere zu töten, die die selbe Sprache, die selben Gebrauch und Sitten, Tänze und Geschichten haben wie sie selbst?
Wir waren schon seit Jahren wie lebendige Tote im eigenen Land.“ sagt Scholastique Mukasonga. Irgendwann waren dann auch die Kirchen, die als unantastbar galten, nicht mehr sicher gewesen, denn die Priester ließen ihre Gemeinden im Stich und der Freibrief für die Angriffe und Massaker war erteilt.© C. Hélie GallimardSchreiben ist Therapie. Die beste wie Scholastique findet, denn das Papier kann zum Grabmal für alle werden, die jetzt auf andere Weise durch ihre Bücher weiterleben. Ein Buch über Hutu, die den Boden bestellten, Tutsi, die Viehhirten und Twa, die Künstler – Picassos wie sie lachend sagt. Sie waren Töpfer und für die Dachziegel zuständig. Dann gehen die Hutu, die in der Mehrheit sind auf Tutsi los, die sie als Kakerlaken der Gesellschaft Ruandas bezeichnen.
 „Wir wurden alle manipuliert“ sagt Mukasonga sanft aber bestimmt. Die Belgier haben 1962 die Personalausweispflicht eingeführt, auf der die Zugehörigkeit zu Hutu oder Tutsi vermerkt wurde, die eigentlich eine Tätigkeitsbezeichnung war. Die physiognomischen Unterschiede seien eindeutig in das Reich der Mythen einzuordnen. Und diese Mythen haben Menschen zu Mördern und Nachbarn zu Feinden gemacht. Letztendlich ist es die Justiz, die diese Menschen wiederhergestellt, vor sich selbst mit Scheinwerfern angestrahlt, angeprangert, verurteilt und dadurch frei gemacht hat. Denn sie haben bezahlt und können so wieder Teil der Gesellschaft werden. Vorher bleibt nur das Verleugnen der Tat oder das Leben in Illusion: „Man sagte uns, wir würden Schlangen töten gehen. Erst später verstanden wir es waren Menschen, die wir getötet hatten“, zitiert Mukasonga aus eine Reportage über die Verblendung und verschobenen Realität der Täter im Genozid. Wie geht man heute mit dunklen und unverständlichen Kapiteln der Geschichte, mit Schatten über der Heimat, Flucht vor Gefahr und mit der Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln um?
Die Komplexität des beispiellosen Mordens, das über 800.000 Menschen 1994 binnen nur zweier Monate das Leben kostete, bleibt undurchsichtig. Die ansatzweisen Vorstellungen von der Rivalität der Hutu und der Tutsi, die durch kolonialistische Rasseneinteilungen mitgeprägt wurde, werden in Mukasongas Roman allerdings durch Erzählung des ruandischen Alltags der 1970er Jahre und Hintergrundwissen über die Strukturen, die im Genozid gipfelten, deutlicher. Ihre Person aber prägt das Thema ein bis auf den Grund. Die Begnung mit ihr und ihrer Geschichte lässt die Gedanken so schnell erstmal nicht mehr los.

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Ein Gedanke zu “Schreiben bis auf den Grund

  1. Selbst ich aus Uganda glaubte bis zum heutigen Tag den Mythos Hutu/Tutsi und dachte nicht, dass die Kolonialgeschichte Ruandas in irgendeine Art und Weise damit verbunden war. Der Abend war auf jeden Fall ein Augenöffner in dieser Hinsicht.

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