He for She und alle um sich selbst

Die blütenweiße Emma Watson hat diese Woche mit ihrer Rede vor den Vereinten Nationen das Gespräch über den Feminismus befeuert, das nicht eingeschlafen, aber immer wieder ziemlich festgefahren ist. Das hat sie gut gemacht, alle haben dazu etwas gesagt, sie wurde sogar bedroht, es war wunderbar medienwirksam und trotzdem ist ihr die Rolle der Feministin nicht auf den Leib geschneidert. Denn vor allem hat es das Gespräch um sie selbst entfacht, was man ihr nicht verübeln kann, schließlich ist sie Schauspielerin.
Aber letztlich ist das der Grund für die Einseitigkeit der Debatten. Das Thema dreht sich im Kreis, weil wir uns um uns selbst drehen. Dabei ist es eines, das den Perspektivwechsel braucht.
Immerhin lassen wir uns gerade von einem anderen Schauspieler, nämlich James Franco an jeder Straßenecke mit smartem Grinsen und Coke bewaffnet sagen, wie verdammt sexy wir doch sind. Aha. Okay gut, danke, ich geh dann mal den Müll rausbringen.
Wenn es darum geht, die Dinge aufzudröseln, Aggressionen rauszunehmen und sich ein gesundes feministisches Gespräch zu wünschen, ja dann stört sein mildes Lächeln dabei. Weil es verletzend ist, sich selbstverständlich ständig abhängig von dieser männlichen Bewertungsperspektive zu bewegen. Weil es eine gute Debatte um Gleichberechtigung bremst, dauernd gefallen zu wollen und sich darüber Gedanken machen zu müssen, wie viel man als unsexy Feministin an Marktwert einbüßt, weil es einem zufällig um die Sache geht. Als Künstler und Schauspieler macht Franco Werbung für Coke. Light. Natürlich ohne Kalorien. Und er säuselt einer jeden Frau von Plakaten und im Spot zu, wie „echt sexy“ sie ist. Und wenn du wissen willst, warum gerade DU so sexy bist, dann folge ihm auf der Seite… Ok, go home.
Brauchen wir Männer, die unser Selbstbewusstsein bestätigen? Und zwar unsere Sexyness, das Nonplusultra der weiblichen Qualitäten. Dass das eine enorme Macht bedeutet, merkt man spätestens wenn diese Bestätigung vorenthalten wird und Frauen nicht den Mund aufmachen, aus Angst nicht mehr wahrgenommen zu werden, als Persönlichkeit in Ausbildung, Job und Freizeit. Das teilen alle Frauen. Die Angst vor dem Abstellgleis. Und von dem Label Feminismus = unattraktiv müssen sich Frauen selbst befreien.
Ernst gemeinte Komplimente sind etwas Schönes man sollte sie auch genießen dürfen, aber es hat sich eine Kultur des „GefallenMÜSSENS“ entwickelt, deren elementare Grundmotivation wir in der Selfiekultur beobachten. Die Schauspielerin Kirsten Dunst setzt das Gefühl des Objektiviertwerdens im Film Aspirational um, in dem sie von zwei Selfiejägerinnen überfallen wird und diese, nach der Fotoattacke höflich fragt, ob sie noch Gesprächsbedarf haben. „You wanna talk or anything?“ „Nope.“ Okay, na dann nicht. Es geht rein um das Bild mit ihr. Reicher, schöner Mensch als Schmuck für andere reiche, schöne Menschen.

Wir sind in einer Zeit der gegenseitigen und ständigen Objektivierung ohne Dialog angelangt, was der Film eindrücklich in Szene setzt.
Der Drang, alles was man erlebt und besonders die eigene Person ständig bestmöglich zu inszenieren, spiegelt den Wunsch nach einem glatten Leben wieder. Nach einem, das genauso aussieht wie man es sich eben nicht nur ausmalen, sondern auch selbst designen kann. Ein sexy Leben eben. Eins ohne Brüche und Verletzungen über die man sprechen müsste, wenn man wirklich in den feministischen Dialog einsteigen wollte.
Der ist und bleibt nämlich ein Kampf. Vor allem, weil Frauen selbst immer wieder ihre eigene Courage, ihre Vorreiterinnen fürchten, die sich von Rollenmustern verabschieden, die, so ungerecht sie gegen Frauen auch sein mögen, ihre ganz eigene kuschelige Gewohnheit bieten, um sie gegen die verletzliche Position an Mikrophonen oder Gesprächen mit dem Chef über das Gehalt einzutauschen. Sich zu verabschieden von der Skala mit der wir ständig von außen bewertet werden macht erstmal nackt. Aber die ewige Selbstdarstellung und die Suche nach der sexy Pose ist der direkte Weg in die Bedeutungslosigkeit. Wenn die Kulisse, der richtige Fotopartner an meiner Seite, die beste Tasche, oder der schöne Cocktail vor mir, mich interessant machen müssen, scheint es wenig zu sagen zu geben.
„He vor She“
Vielleicht möchte Emma deshalb auch die Männer in die Debatte einbeziehen, weil Frauen selbst einfach zu beschäftigt sind, „the Selfie per hour“ rauszuhauen. Super Idee! Dann fang doch mal mit James Franco an, dann steigt er vielleicht auch von seinem Cokeplakat herab und gibt zu, was er wirklich sexy findet.
Ich glaube es ist Zeit den Feminismus selbst zu entromantisiseren. Er ist keine Uniform, die man sich selbst überzieht und dann zur unangreifbaren Amazone wird. Kein Instrument, keine Sprachregelung und kein Accessoire, keine Rolle oder Performance. Es ist der Wunsch nach Veränderung und das Streben nach einer veränderten Kultur, die sich mit den Bedürfnissen und Nöten von Frauen UND Männern auseinandersetzt. Ein Thema, das nicht ohne persönliche Geschichten, Erfahrungen und Verletzungen auskommt, die in den Dialog reinspielen. Nie ist irgendetwas schwarz und weiß. Das wird auch eine mehr oder weniger griffige Kampagne nicht herzaubern. Aber Grauzonen müssen reingelassen werden, auch wenn sie nicht so selfietauglich sind. Gegenseitige Verletzungen mit Respekt behandelt und die Momente genutzt werden, die sich bieten, um den Mund aufzumachen. Schönheit ohne einen Anspruch darauf zu genießen, eröffnet viel weitere Sphären. Den Kämpfergeist von Frauen zuzulassen, ohne sie als frustriert, oder unsexy zu diffamieren schafft Solidarität.

Aron Demetz
Aron Demetz, Memoridermata, 2014 © Aron Demetz Foto: Egon Dejoribilder

Und dann sind da noch die wunderbaren Skulpturen von Aron Demetz, die man sich im Moment im Arp Museum Rolandseck anschauen kann. Was er mir zeigt, mit seinen Holzfiguren, die teilweise mit Naturharz übergossen sind, glattpoliert und aufgeraut oder nicht mehr, als verbrannte Kohle sind, ist das eigentlich emanzipatorische Moment, das ich mir in diesem Thema wünsche: Die Auseinandersetzung mit der Verletzlichkeit des eigenen Körpers, die niemals abgekoppelt werden kann von Geist und Seele. And that, my friends is surely your issue too, wie Emma sagen würde.

Blog von Black girl dangerous
Ausstellung Aron Demetz in Rolandseck

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